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Arbeitsweise

Meine Film-ProtagonistInnen werden nicht, wie in den kommerziellen Medien teilweise üblich, „abgefrühstückt“ und als funktionale „Interviewopfer“ für sensations-heischende Aufnahmen bloßgestellt. Bei meiner Filmarbeit stehen eine kooperative Verständigung mit einer inhaltlichen Neugier sowie eine prozessorientierte und gleichberechtigte Einbeziehung der Beteiligten im Vordergrund.

Kein Filminterview ohne Kontextinformationen und Vorgespräche. Interviews, die polizeilichen Verhörmethoden und gerichtliche Befragungen gleichen, lehne ich für meine Filmarbeit ab. Stattdessen arbeite ich mit explorativen Interviews, die Inhalte und der Filmkontext sind im Vorfeld der Dreharbeiten den ProtagonistInnen bekannt. Auf gleicher Augenhöhe, miteinander Klartext reden, Widersprüche aufdecken und eine transparente Reflexion ermöglichen einen konstruktiven inhaltlichen Tiefgang, der konventionelle Oberflächen aufbricht. Wer fragt, führt, so heißt es. Bei meinen Interviews lautet die Devise: Wer fragt, denkt mit. Die ProtagonistInnen sind so keine wehrlosen Opfer, sondern eher betroffene Ratgeber, Wegweiser und Impulsgeber für ein inhaltliches Voranschreiten.

Ich führe keine Regie im klassischen Sinne, sondern sehe mich als Realisatorin, die vernetzt und Personen zusammenwirken lässt, leider nicht immer mit „quid pro quo“. Diese synergetisch- kooperative Regie, kombiniert mit Beobachtung, Wahrnehmung, Reflexion der Gegebenheiten und Tatbestände, mit einer aufmerksamen, handwerklichen und künstlerischen Umsetzung ergibt dann das Gesamtwerk. Die Realisation möglichst mit Verstand, Herz und Leidenschaft, für die Inhalte, Problematik und Anliegen, immer in Hinblick auf neue Wege und aufbauendes Denken. Ein Film kann jedoch keine Wunder vollbringen und nur so gut sein, wie alle Beteiligten „mitspielen“ .

So entsteht ein Filmwerk mit einem berührenden, tiefgreifenden, authentischen Nahblick (Innenansichten) auf die Inhalte, Fragestellungen und Problematik, der allen Beteiligten eine neue Sicht auf die Welt ermöglicht. Diese authentische Filmperspektive inspiriert wiederum das Publikum zum Nachdenken & Mitreden und verhilft Allen zu neuen Ein- und Ansichten...

Innenansichten im dokumentarischen Autorenfilm . Montage

Seit Anbeginn meiner eigenen Filmarbeit werde ich immer wieder erstaunt gefragt, ob die ProtagonistInnen selbst so reflektiert sein können, wie sie im Film dargestellt werden.

Ja, wenn wir Kinder und Jugendliche in ihrer Gedankenwelt ernst nehmen, Zeit zum Entdecken, Nachdenken, Reflektieren und Antworten lassen. Ihnen aufmerksames Zutrauen schenken, sie als lebendige, fühlende, geistige und seelische Menschenwesen inspirieren und akzeptieren, ihnen zuhören und Raum zur sozialen, individuellen Entfaltung geben...

Ich selbst verstehe meine Rolle also als ihre Anwältin, Vermittlerin und Freundin für ihre Probleme und Anliegen, auch dann, wenn mir die Aussagen selbst nicht passen.

Beispiel eins online

Die Aussage von Janine, mit einem Hauptschulabschluss hat man auch Chancen, ist im Film zu sehen! Herrgott, ich mache einen Dokfilm über die Chancenlosigkeit von Hauptschüler und sie behauptet genau das Gegenteil.

Trotzdem habe ich ihre Aussage akzeptiert und in den Film montiert. Denn genau dieser Widerspruch bietet die Möglichkeit, diesen Aspekt mit dem Filmpublikum zu erörtern und reflektieren. Bei meinen Auswertungsveranstaltungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Jugendlichen Janine zustimmen und sie der Meinung sind, es muss eben „Klick machen...“.

Beispiel zwei offline

Bei einem Interview an der Isar erzählten mir Tanja und Janine mit einem charmanten Lächeln in die Kamera, dass sie auf Porno und nicht auf Blümchensex stehen würden. „Generation Pornographie“ war erst kurze Zeit später in den Medien Thema. Jedenfalls brachten mich diese Aussagen wiederum in Zugzwang. Sex verkauft sich in einem Film immer gut, jedoch zeitgeist-bezogene Haltungen können sich ändern, bleiben aber im Film festgeschrieben. Es folgten Gespräche, Reflexionen und Anregungen, mit dem einvernehmlichen Ergebnis diesen Take nicht zu verwenden und eine weitere filmische Thematisierung auch aus Zeit- und Kostengründen zu unterlassen. Den Beiden zuliebe habe ich dann noch ein angedeutetes Kamasutraübungs-Bild in den Film reingeschnitten, das aber nicht von jedem, jedoch von den meisten Kids verstanden wird.

Diese dialog-basierte progressive Umsetzung (work-in-progress) beim Aufbau der Filmaufnahmen (= Destillation / Reduktion der Wirklichkeit) orientiert sich immer an der Erzählabsicht des Films. Wort, Bild- und Tonebene des Filmthemas werden dann von mir in der Montage dramaturgisch ausgearbeitet mittels Hinzufügen, Weglassen, Verdichten, Ergänzen, Revidieren, Korrigieren...

Um Missverständnisse, unkorrekte Aussagen oder unrichtige Erzählstrukturen zu vermeiden, werden prinzipiell alle meine Filme und relevanten Texte von den ProtagonistInnen autorisiert. Außerdem haben sie selbstgewählte Phantasie-Nachnamen und zugleich sehen heute nicht so aus, wie damals im Film.

Alles-selbst-gemacht

Nach dreißig Jahren Dokumentarfilmarbeit habe ich mir - teilweise notgedrungen - im Lauf der Zeit fast alle handwerklichen Fähigkeiten angeeignet, um einen Dokumentarfilm im Alleingang herstellen zu können. Was eigentlich mehr oder weniger unmöglich ist, da professionelles Filmschaffen immer Teamarbeit bedeutet und die technisch-handwerklichen Anforderungen ständig steigen. Ich selbst bin auf meine fast Alles-selbst-gemacht-Leistung allerdings nicht besonders stolz, weil dabei zwangsläufig einiges, unwiederbringlich nicht mehr gut zu machende, schief geht. Außerdem bevorzuge ich einen runden work-flow und die Zusammenarbeit mit anderen professionell und spezialisiert arbeitenden Medienschaffenden, die ihr Handwerk mit Herz und Leidenschaft verstehen – reines Wunschdenken bei dieser Unterfinanzierung.

Im Sommer 2009 brachten Susanne Strobel und Rainer Kühn den DokFilm dann endgültig zum Leuchten. Rainer Kühn (wonderbeat ) komponierte die wunderbare Filmmusik: wonderbeat like beethoven, für den Film.

Susanne Strobel (grimmeisen & strobel postproduktion) sah meinen Filmschnitt und entschied sich spontan mir / uns zu helfen. So verbrachten wir ihre Urlaubs-Zeit im August 2009 mit Studioarbeit. Stundenlang hat Susanne das Bild- und den Ton mit dem avid MediaComposer verschönert und Fehler ausgemerzt, Titel und Graphik gepusht und insgesamt gezaubert, denn das, was sie aus dem Material raus geholt hat, ist normalerweise nur in ganz großen Studios möglich. Wolfgang Grimmeisen, mit dem ich seit 1985 zusammenarbeite, hat in seiner raren freien Zeit, das aufwändige Finish übernommen, so sind wir dann gerade rechtzeitig einen Tag vor der Uraufführung fertig geworden.


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